Prozesserklärung
Jedes Jahr treffen sich Vertreter und Vertreterinnen von Militär, Politik und
Wirtschaft in München um dort im luxuriösen Ambiente des Bayrischen Hofs
ungestört die Pläne für Militäreinsätze der nächsten Jahre auszuarbeiten.
Diese Leute nennen sich selbst gerne „strategic community“, ein Begriff, der
vorgaukelt, es handle sich bei dem Treffen um eine Gemeinschaft, die hier ein
bisschen vorausplant, was ja eigentlich niemanden stören sollte. Unerwähnt
bleibt nur, was hier eigentlich geplant und organisiert wird.
Es sind die Angriffskriege, die hier vorbereitet werden, die Kämpfe um Macht
und Rohstoffe, um wirtschaftliche Vormacht und um das Recht auf Ausbeutung. Hier
am runden Tisch wird ausgelotet, wie weit man gehen kann, ohne andere vor den
Kopf zu stoßen, hier werden die Deals abgewickelt, deren Auswirkungen das Leben
Hunderttausender kosten. Hier wird im wörtlichsten Sinne menschenverachtende
Politik geplant.
Und das Ganze ist noch nicht einmal eine Veranstaltung, die irgendein
politisches Mandat vorweisen könnte. Nein, es ist eine Veranstaltung der
Privatwirtschaft in einer unheiligen Allianz mit der Bundeswehr.
Auf eine kleine Anfrage der Linkspartei gab die Bundesregierung an, die Münchner
Sicherheitskonferenz werde durch 420 Bundeswehrsoldaten "unterstützt",
wobei 120 davon sogar das Hausrecht beim Veranstaltungsort ausüben. Die hierfür
anfallenden Kosten beziffert die Bundesregierung auf 500.00 Euro, hinzu kommen
weitere Hilfsleistungen vom Presse- und Informationsamt in Höhe von 341.000
Euro, so dass das Treffen der Kriegsstrategen mit insgesamt 841.000 Euro aus der
Staatskasse finanziert wird!
Der Öffentlichkeit wird das Ganze dann noch als Einsatz für Frieden und
Sicherheit verkauft. Orwells Vision vom Neusprech Krieg ist Frieden ist hier längst
bittere Realität geworden.
Und gegen dieses Treffen internationaler Kriegsverbrecher richtet sich seit
vielen Jahren unser Protest. Jedes Jahr kommen viele tausend Menschen um hier
ihrer Ablehnung gegen diese Kriegskonferenz Ausdruck zu verleihen. Und jedes
Jahr stoßen sie auf das selbe Bild. Die Staatsmacht versucht mit allen ihr zur
Verfgung stehenden Mitteln die Proteste zu ver- oder zumindestens zu behindern.
Die jährliche Demonstration wird mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks
angegriffen bzw. schikaniert. Von außen ist die Demonstration nur als
wandernder Polizeikessel wahrnehmbar. Permanente Schikanen seitens der
Einsatzleitung und vor allem seitens der Spezialeinheiten, die ohnehin meist tun
und lassen was sie wollen. Vor und nach der Demonstration werden politisch
aktive Menschen verfolgt und mit Repression berzogen. In schöner Regelmäßigkeit
wird das Convergence Center von der Polizei gestürmt, obwohl die Stürmung des
jeweils vorherigen Jahrs gerichtlich als unrechtmäßig festgestellt wurde.
Letztes Jahr wurde eine Beobachtergruppe eingesetzt, die die Polizeibergriffe
dokumentieren sollte. Sie stellte fest, dass Provokationen und Gewalt von den
Einsatzkräften und hier insbesondere von den USK-Einheiten ausgingen nicht von
den Demonstrationsteilnehmern. Jeder Versuch, während der Übergriffe Beamte
zur Rechenschaft zu ziehen scheiterte stets daran, dass der jeweilige
Einsatzleiter immer genau dann nicht anwesend war, wenn er gebraucht worden wäre.
Nachdem die eingesetzten Kampfmaschinen stets nicht identifizierbar sind, können
sie auch im Nachhinein nicht mehr belangt werden.
Ein Beispiel vom letzten Jahr mag das veranschaulichen. Während eines der
zahlreichen Angriffe auf den Demonstrationszug kletterten mehrere USK Beamte in
voller Kampfmontur über parkende Autos. Die Autos wurden beschädigt, was bei
der Hartplastikpanzerung der angreifenden Einheiten kein Wunder war. Ein Beamter
wurde dabei beobachtet, wie er einen Zettel an die Windschutzscheibe eines beschädigten
Fahrzeugs befestigte, auf dem stand, dass das Fahrzeug durch einen
Polizeieinsatz beschdigt wurde. Wenige Sekunden später entfernte ein anderer
Beamter diesen Zettel wieder. Der Versuch der Demonstrationsteilnehmer,
daraufhin den Einsatzleiter zu verständigen scheiterte an seiner Abwesenheit.
Später war im Pressebericht der bayrischen Polizei zu lesen: Namentlich noch
nicht bekannte Demonstranten hatten in der Sonnenstraße mehrere geparkte
Fahrzeuge beschädigt.
Dieser Vorfall ist photographisch dokumentiert, trotzdem steht der Vorwurf gegen
die Demonstration im Raum nicht gegen die Einsatzkräfte. Und im folgenden Jahr
wird dann der Polizeieinsatz damit begründet, dass letztes Jahr Autos beschädigt
wurden. Es könnte einen zum Lachen bringen, wäre es nicht so bitter ernst.
Die Durchführung der Demonstration ist also jedes Jahr wieder eine
Herausforderung, ein Versuch, eines der höchsten Rechtsgüter der
Bundesrepublik gegen eine Armee nicht identifizierbarer Kampfmaschinen zu
verteidigen, gegen Willkür und Lüge, gegen Knüppeleinsätze und Festnahmen.
Und nicht zuletzt gegen die Gesetzesverstöße der Gesetzeshüter selbst. Seit
Jahren wird die Einsatzleitung darauf hingewiesen, dass das Abfilmen der
Demonstration kein Grundrecht der bayrischen Polizei ist. Im Versammlungsgesetz
(12a Absatz 1) steht dazu eindeutig:
Die Polizei darf Bild- und Tonaufnahmen von Teilnehmern bei oder im Zusammenhang
mit öffentlichen Versammlungen nur anfertigen, wenn tatsächliche Anhaltspunkte
die Annahme rechtfertigen, dass von ihnen erhebliche Gefahren für die öffentliche
Sicherheit oder Ordnung ausgehen.
Tatsächlich wird aber jedes Jahr von Anfang an die gesamte Demonstration sowie
Auftakt- und Abschlusskundgebung lückenlos gefilmt. Mehrere Fahrzeuge der
Polizei mit Videokameras an langen Stangen stehen bereits auf dem Marienplatz,
bevor überhaupt Teilnehmer anwesend sind.
In einer solchen Situation erscheint es geradezu lächerlich, wenn von der
Versammlungsleitung erwartet wird, Polizeiaufgaben zu übernehmen. Ist es doch
eher ihre Aufgabe, das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit gegen eine übermchtige
Armada uniformierter Gewalttäter durchzusetzen.